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Geschichte der acatech

Als Werner von Siemens 1873 Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften wurde, galt ihm diese Ehrung ausschließlich als Wissenschaftler, nicht aber als Erfinder und Industrieller. So betonte es die Akademie – und auch Werner von Siemens in seinen Lebenserinnerungen. Bis weit ins 20. Jahrhundert galten die Ingenieurwissenschaften als angewandte Naturwissenschaften – und nicht als eigenständige Disziplin.

Vielleicht weil diese Einschätzung ganz im Gegensatz steht zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung der Technikwissenschaften, entwickelte sich die Akademie in den 1990er Jahren in schnellen Schritten.

Die ersten Anfänge

Aus der historischen Perspektive geht der Blick zurück in das deutsche Kaiserreich, zunächst in das Jahr 1873, als Werner von Siemens Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin wurde. Ausdrücklich galt diese Ehre dem Mann der Wissenschaft, nicht dem Erfinder und Industriellen.

Das betonte die Akademie, und auch Werner von Siemens selbst betonte es in seinen Lebenserinnerungen. Anfang der 1890er Jahre legte der Mathematiker Felix Klein einen ersten Entwurf für eine Akademie der Technischen Wissenschaften vor.

Nach Kleins Vorstellungen sollte die Göttinger Akademie um technische Fächer erweitert werden, doch sein Vorhaben hatte keinen Erfolg.

Alois Riedlers Denkschrift

Einen weiteren Vorstoß unternahm der Professor für Maschinenbau an der TH Berlin, Alois Riedler, der seine Nähe zum technikbegeisterten Kaiser Wilhelm II. nutzte und ihm 1899 eine Denkschrift zur Gründung einer Akademie der technischen Wissenschaften überreichte.

Nach Riedlers Vorstellungen sollte die Akademie – zunächst als preußische Gründung, doch mit der Option zur Reichsinstitution zu werden – „als ‚oberste Festung’ der technischen Wissenschaften der Ingenieurarbeit soziale Anerkennung verschaffen.“ Riedler schlug vor, die Akademie der technischen Wissenschaften als staatlich anerkannte Organisation zu gründen, die dem Unterrichtsministerium bei freier Ausgestaltung der Inhalte angegliedert sein sollte.

Als staatliche Unterstützung sah er einen Finanzbedarf von jährlich 100.000 Mark, die übrigen Mittel sollten durch Spenden und Zuwendungen interessierter Unternehmen zusammen kommen. Die Aufgaben der Akademie sollten im Bereich Wissenschaftsförderung, Technikentwicklung und Politikberatung liegen.

Gehören Ingenieure in eine Akademie?

Die Kritiker lehnten die Politikberatung „als unberechtigt und bedenklich“ ab. Riedlers Wünsche hinsichtlich der „Förderung der wirtschaftlichen Forschungen auf den Gebieten der Technik und der Errichtung eines höchsten technischen Organs für praktische Fragen…“ fanden dagegen Unterstützung.

Der zentrale Punkt aller Kritik aber betraf die Stellung der Technikwissenschaften, die innerhalb der Wissenschaften nicht als gleichwertig anerkannt waren. Sie galten im Gegensatz zu den seminaristisch geprägten Geistes- und Naturwissenschaften als ausschließlich anwendungsorietiert. Der Zusatz „angewandte“ Wissenschaften diente bis weit in das 20. Jahrhundert dazu, die Technikwissenschaften von der Grundlagenforschung abzugrenzen.

Deutlich zeigten sich die Vorbehalte gegenüber den Technikwissenschaften auch im Jahr 1900,als die Königliche Preußische Akademie der Wissenschaften ihr zweihundertjähriges Gründungsjubiläum feierte. Aus diesem Anlass schenkte der Kaiser der Akademie fünf Sitze für ordentliche Mitglieder, von denen drei vorzugsweise an Techniker vergeben werden sollten. Es kam erneut zur Auseinandersetzung über die Wissenschaftlichkeit der technischen Disziplinen.

Diese hatten sich zwar mit der Berechtigung der Ingenieure zur Promotion ein Stück akademische Gleichberechtigung erstritten, doch den Einzug in die Akademie rechtfertigte das aus Sicht der dort versammelten Wissenschaftler nicht. Der Statiker Heinrich Müller-Breslau und der Elektrotechniker Friedrich von Hefner-Alteneck wurden berufen, die dritte Stelle blieb unbesetzt. Die Akademie sollte ein Ort der „reinen“ Wissenschaft bleiben. Erst Mitte der 1920er Jahre konnte sich die physikalisch-mathematische Klasse der Preußischen Akademie der Wissenschaften entschließen, mit Karl Willy Wagner und Johannes Stumpf zwei führende Vertreter der technischen Wissenschaften als ordentliche Mitglieder aufzunehmen.

Zuvor hatte die Akademie allerdings den Antrag des Reichsbundes deutscher Technik, der Akademie eine technische Klasse einzugliedern, abgelehnt.

Annäherung zwischen Akademien und Technikwissenschaften

Eine Annäherung zwischen Akademien und Technikwissenschaften fand erst nach dem Zweiten Weltkrieg statt; zunächst im Ostteil Berlins an der Deutschen Akademie der Wissenschaften, die das Leibniz’sche Gründungsmotiv Theoria cum praxi mit der 1949 eingerichteten Klasse für technische Wissenschaften wieder belebte, doch nur für kurze Zeit.

Schon 1954 war die eigenständige Klasse wieder verschwunden. Die Technikwissenschaften bildeten nun mit Mathematik und Physik eine Klasse. Erst im Februar 1989 richtete die Akademie der Wissenschaften der DDR wieder eine Klasse Technikwissenschaften ein. Als es 1970 zur Gründung der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften (NWAW) kam, gab es hier von Anbeginn an eine Klasse für Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften.

An der 1992 gegründeten Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) gab es von Beginn an unter fünf Klassen auch die Technikwissenschaftliche Klasse. Hier nahm die engere Gründungsgeschichte von acatech den Anfang.

Vom Konvent zur Akademie

Binnen zehn Jahren zur nationalen Akademie

Am 21. November 1997 fand in Berlin die konstituierende Sitzung der Arbeitsgemeinschaft „Konvent für Technikwissenschaften“ statt. Mit dieser Initiative der Berlin-Brandenburgischen und der Nordrhein-Westfälischen Akademien der Wissenschaften wurde nach jahrelangen Bemühungen erstmals eine nationale Interessenvertretung der deutschen Technikwissenschaften auf der Ebene wissenschaftlicher Akademien geschaffen. Die Gründungsversammlung wählte Günter Spur zum Vorstandsvorsitzenden des Konvents. Die anfänglich rund 50 Mitglieder kamen überwiegend aus der Technikwissenschaftlichen beziehungsweise der Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaftlichen Klasse der beiden Gründungsakademien.

Zu den Aufgaben, die sich der Konvent für Technikwissenschaften stellte, gehörten von Anfang an die Förderung der Forschung und des technikwissenschaftlichen Nachwuchses, die Intensivierung internationaler Kooperationen sowie der Dialog mit Natur- und Geisteswissenschaften, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Rolle zukunftsweisender Technologien.

Die Gründung des Konvents

Um den Konvent für Technikwissenschaften für seine weitere Entwicklung auf eine breitere Basis zu stellen, beschlossen die Präsidenten der sieben deutschen Wissenschaftsakademien im April 2001, alle nationalen technikwissenschaftlichen Aktivitäten auf Akademieebene unter dem Dach der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften zu bündeln. So wurde am 15. Februar 2002 der Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gegründet und im Anschluss seine Eintragung in das Vereinsregister sowie die Gemeinnützigkeit beantragt. Den Vorsitz des Vorstands übernahm Joachim Milberg, sein Stellvertreter wurde Franz Pischinger (im Mai 2003 wurden diese Ämter durch eine Satzungsänderung in Präsident und Vizepräsident umbenannt). Der Konvent entschied sich für den prägnanten Kurznamen „akatech“, dessen Schreibweise vor dem Hintergrund der internationalen Verwendung etwas später in „acatech“ umgewandelt wurde. Der Name steht für die von acatech angestrebte Symbiose von Akademie und Technik.

acatech als Arbeitsakademie

Seit seiner Gründung ist acatech durch Zuwahlen konsequent gewachsen und zählt heute rund 400 Mitglieder aus Akademien, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland. Da acatech von Anfang an als Arbeitsakademie konzipiert wurde, konzentriert sich die inhaltliche Arbeit in Arbeitskreisen. In den Jahren 2002 und 2003 wurden insgesamt sieben Arbeitskreise gegründet, die sich mit zukunftsbezogenen forschungs- und technologiepolitischen Fragestellungen befassen.

Auf internationaler Ebene nimmt acatech seine Aufgaben heute durch die Mitgliedschaft im European Council of Applied Sciences, Technologies and Engineering (Euro-CASE), der europäischen Vereinigung technikwissenschaftlicher Akademien, wahr. Des Weiteren gehört acatech dem weltweiten Zusammenschluss technikwissenschaftlicher Akademien, den International Council of Academies of Engineering and Technological Sciences (CAETS) an.

In inhaltlichen und strategischen Fragen wird acatech von einem Senat beraten, der sich aus namhaften Vertretern von Wissenschaftsorganisationen und Unternehmen zusammensetzt. Vorsitzender des Senats war von 2002 bis 2012 der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog. Im Juni 2012 hat dieser den Vorsitz an Ekkehard D. Schulz übergeben. Im September 2003 wurde zudem ein Förderverein, das Kollegium, gegründet. Das Kollegium soll vor allem zur finanziellen Unterstützung von acatech beitragen.

Zum neuen Jahr 2008 stieg acatech zur gemeinsam von Bund und Ländern geförderten nationalen Akademie auf. Der Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften wurde zu acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.

Wissenschaftliche Akademien in Deutschland

Die Gründung von acatech vollzog sich vor dem Hintergrund einer langen Tradition wissenschaftlicher Akademien in Deutschland, in denen sich bis dato vor allem Natur- und Geisteswissenschaftler zusammengeschlossen hatten. Die älteste und heute zugleich einzige bundesweite Institution ist die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina mit Sitz in Halle, die auf das Jahr 1652 zurückgeht. Darüber hinaus existieren auf Länderebene acht weitere wissenschaftliche Akademien. Die Berlin-Brandenburgische Akademie wurde als älteste davon im Jahre 1700 als Kurfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften durch G.W. Leibniz gegründet. Außerdem zählen dazu die Akademien der Wissenschaften in Göttingen und in Heidelberg, die Bayerische und die Sächsische Akademie der Wissenschaften, die Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz, die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften sowie die Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

Seit über hundert Jahren gibt es eine organisierte Zusammenarbeit der deutschsprachigen Wissenschaftsakademien. Diese begann 1893 mit der Gründung des „Verbands der wissenschaftlichen Körperschaften“, des so genannten „Kartells“, durch die Akademien in Göttingen, Leipzig, München und Wien. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen sich in Nachfolge des Kartells zunächst die westdeutschen Akademien zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die sich 1967 den Namen „Konferenz der deutschen Akademien der Wissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland“ gab. 1991 und ’93 traten die Sächsische und die Berlin-Brandenburgische Akademie bei, 1998 erfolgte die Umbenennung in „Union der deutschen Akademien der Wissenschaften“.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden in fast allen Industrienationen zusätzlich zu den bestehenden Wissenschaftsakademien auch nationale Akademien der Technikwissenschaften. Die älteste Gründung ist die renommierte Royal Swedish Academy of Engineering Sciences (IVA) von 1919. Zu den jüngeren Gründungen zählen die britische Royal Academy of Engineering, die auf das Jahr 1976 zurückgeht, und die niederländische Society of Technological Sciences and Engineering (FTW) von 1986.
In Preußen gab es bereits 1899 einen Anlauf, eine „Akademie der Technischen Wissenschaften“ ins Leben zu rufen . Dies geschah vor dem Hintergrund eines das ganze 19. Jahrhundert währenden „Emanzipationskampfs“ der Technik und der Technischen Hochschulen gegen die an den Universitäten vertretenen etablierten Wissenschaften. 1899 konnten die Technischen Hochschulen dabei mit der Erlangung des Promotionsrechts einen wichtigen Sieg erringen. Die Initiative für die neue Akademie ging von dem Berliner Maschinenbau-Professor Alois Riedler aus. Sie sollte der weiteren Entwicklung der Technik, der Politikberatung und dem verstärkten Austausch der Technik mit Wirtschaft und Gesellschaft dienen. Der Kaiser und preußische König Wilhelm II. unterstützte den Vorschlag, der dann aber innerhalb der Regierung scheiterte. Als Kompensation wurden 1900 an der Preußischen Akademie erstmals drei Stellen für die Technikwissenschaften geschaffen. Mit Werner Siemens war zwar schon 1873 ein Ingenieur in die Akademie gewählt worden, dieser wurde jedoch explizit nicht als Technik-, sondern als Naturwissenschaftler aufgenommen.

Weitere Vorstöße der Technikwissenschaftler mit dem Ziel, zusätzliche Stellen zu erhalten oder eine eigene technikwissenschaftliche Klasse einzurichten, scheiterten bis nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in Preußen als auch an anderen deutschen Akademien. Erst die Akademie der Wissenschaften in der DDR, die nach dem Krieg aus der Preußischen Akademie hervorging, richtete eine eigene technikwissenschaftliche Klasse ein. In der Bundesrepublik zog 1970 die neu gegründete Nordrhein-Westfälische Akademie mit einer Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaftlichen Klasse nach. 1987 gründete das Land Berlin zudem die Akademie der Wissenschaften zu Berlin – die Technikwissenschaften waren hier von Anfang an integraler Bestandteil. Diese Neugründung wurde allerdings nach dem Fall der Mauer bereits 1990 wieder aufgelöst. Im Jahre 1992 kam es dann zur Neukonstituierung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (vormals Preußische Akademie der Wissenschaften), deren Struktur von Beginn an eine Klasse für die Technikwissenschaften vorsah.

acatech führt diese Entwicklungen fort und bündelt die technikwissenschaftlichen Aktivitäten auf Akademie-Ebene erstmals im nationalen Zusammenhang. Mit der Gründung einer eigenen nationalen Interessenvertretung der Technikwissenschaften zieht Deutschland mit anderen Industrieländern gleich und schließt eine Lücke, die mit der wachsenden Bedeutung der Technikwissenschaften für die Bewältigung globaler ökonomischer und ökologischer Probleme im Laufe der Zeit immer größer geworden ist.

1.)Wolfgang König: „Die Akademie und die Technikwissenschaften. Ein unwillkommenes königliches Geschenk“, in: Jürgen Kocka (Hg.): Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Kaiserreich, Berlin: Akademie Verlag 1999: S. 381-398.